
Die wirtschaftlichen Verhältnisse
In Mainaschaff lebten um 1900 insgesamt 228 Familien und 1171 Einwohner. Davon waren 47 Bauern, 47 Maurer, 29 Fabrikarbeiter und 17 Tagelöhner. Den Rest bildeten 4 Schuhmacher, 3 Bäcker, 3 Zimmerleute, 3 Wagner, 4 Tüncher, 3 Metzger und 6 Gastwirte.
Die Landwirtschaft, der Garten- und Obstbau wurden intensiv betrieben. Neben den Bauern besaß fast jede Familie, als Folge der Realteilung nach dem Mainzer Landesrecht, einige Grundstücke, die im Nebenerwerb bewirtschaftet wurden. Zweimal wöchentlich belieferten die Mainaschaffer den Markt in Aschaffenburg mit Gartenerzeugnissen. Fast jede Familie hielt mindestens eine Ziege und über den Sommer wurde ein Schwein gefüttert. Anders als in manchen Gegenden des Spessarts hatten die Mainaschaffer ihr Auskommen. Allein die Marktfrauen bewirtschafteten so viel, dass die Familie davon leben konnte. Die Maurer waren meist auswärts. Auf großen Baustellen in ganz Deutschland konnte man sie antreffen. Vom 1. November bis Ostern ruhte ihre Tätigkeit.
Die politischen und kulturellen Verhältnisse
Die Wahlen erfolgten bis 1918 nur nach einer aufgestellten Liste. Parteien oder Wählervereinigungen traten erst nach 1918 in Erscheinung. Der Pfarrer, der Bürgermeister und der Lehrer bestimmten im Wesentlichen die Gemeindepolitik. Seit 1873 gab es einen Arbeiterverein, der 1892 bereits 86 Mitglieder zählte und seit 1883 mit dem Arbeiter-Krankenunterstützungs- und Sterbekassenverein einen Verein bildete.
Die Gründung
des “Gesangverein Edelweiß” am 01. November 1893 war der erste kulturelle Zusammenschluss in der Gemeinde. Die stattliche Zahl von 30 sangesfrohen Männern rief den Gesangverein Edelweiß ins Leben. Nach der Gründungspräambel des “Gesangverein Edelweiß” vom 19.11.1893 war der Zweck die “Pflege und Ausbildung des mehrstimmigen Männergesangs in gesellschaftlicher Einigung zur Erhebung des Gemütes und Veredelung des Geistes”. Die Verfolgung politischer Zwecke wurde für immer ausgeschlossen. Weitere → Aphorismen.

An der Spitze des Vereins stand der 1. Vorstand, Joseph Schättler. Der Ausschuss bestand aus: Joseph Schättler – Vorstand / Benedikt Elbert – Kassier / Johann Fleckenstein – Schriftführer / Martin Roth – Conservator / Simon Herrmann – Revisor / Georg Rücker, Franz Schuck, Vitus Schlett, Philipp Schneider – Beisitzer.
In der Öffentlichkeit trat der Gesangverein zunächst noch nicht auf und beschränkte sich auch in den folgenden Jahren auf eine Weihnachtsfeier, einen Ball und eine Herbstveranstaltung, die als Abschied für jene Mitglieder gedacht war, welche als Rekruten die Heimat verlassen mussten.
Am 25. Januar 1894 verabschiedete sich Karl Rettelbach, Dirigent des Gesangvereins “Edelweiß”. In ihm verliert die Gemeinde einen braven, tüchtigen Lehrer und ebenso der Gesangverein einen trefflichen Dirigenten. Wir wünschen Herrn Rettelbach in seiner neuen Stellung viel Glück und rufen ihm ein herzlich Leb wohl zu. Danach lag die Dirigentenschaft in den Händen von Herrn Musiklehrer Schröder aus Aschaffenburg und bot Gewähr für Erfolg im Gesang.
1894 weist das Mitgliederverzeichnis 29 aktive und 25 passive Mitglieder aus. Der Chronist verschweigt auch nicht, dass Feuereifer schon damals nicht jeden beseelte, weshalb man für Versammlungs- und Probeschwänzer als Strafe im ersten Fall 10 Pfennig, im zweiten Fall 20 Pfennig und im dritten Fall gar den Ausschluss festlegte. Die Strafgelder waren für die Anschaffung der Fahne bestimmt.
1895 erhielt der damalige Vereinsdiener Alois Roth (geb. 1876) als Neujahrsgabe eine “Vereinsmütze”, wofür er sich auf 3 Jahre zu diesem Dienst verpflichten musste. Am 07. Juli 1895 hielt der Verein ein Waldfest ab, an welchem sich die Gesangvereine “Sängerkranz” und “Sängerhort Damm” und “Bavaria Stockstadt” beteiligten. Die sehr gut vorgetragenen Lieder wechselten ab mit den Vorträgen zweier Musikkapellen, während ein vorzüglicher Stoff aus der Gesellschaftsbrauerei Aschaffenburg den Durst bezwang. So verlief das Fest in schönster Ordnung ohne durch den geringsten Misston gestört worden zu sein.
Am 12. Oktober 1895 hielt man eine außerordentliche Generalversammlung ab, bei der sieben Sänger wegen »Dem Verein gegenüber gethanen frechen Äußerungen« für immer aus dem Verein ausgeschlossen wurden.
Deshalb drohte dem Vereinsschifflein 1896 Sturm. Im Dorf feierte ein zweiter Gesangverein sein Geburtsfest. Einige Mitglieder wechselten zu diesem neuen Verein. Aber die Wogen glätteten sich und der Verein konnte einen Bestand von 25 Aktiven halten.
1896 erwarben die Sänger unter großen Opfern ein Klavier im Werte von 350,00 Mark, welches durch eine Bürgschaft finanziert wurde. Alle Mitglieder hafteten persönlich bis die ganze Schuld getilgt war.
Am 7. Juni 1896 nahm das Waldfest des Gesangvereins “Edelweiß” am Schluss ein blutiges Ende. Ein Mainaschaffer erhielt zwei Messerstiche in den Rücken und in die Brust, so dass die Lunge verletzt wurde und an dem Aufkommen des Verwundeten (Gustav Roth) gezweifelt wird. Ein anderer Mainaschaffer erhielt einen Stich in den Kopf. Schon vorher hatte eine Keilerei zwischen Kleinostheimern und Mainaschaffern stattgefunden, die im weiteren Verlauf diesen traurigen Ausgang nahm.
Mit dem Ausklang des Jahres 1896 hatte noch eine Schreckensbotschaft unser Dorf durcheilt. In der Hanauer Straße am Stadteingang, war die »Kromersche Pulverfabrik« in Schutt und Asche gelegt worden.
»Von dem Turme schwer und bang tönt die Glocke: Grabgesang! Ernst begleiten ihre Trauerschläge einen Wanderer auf dem letzten Wege«.
Der Verein erachtete es als einen Akt der Pietät, zwei vorgesehene Veranstaltungen am 10. Januar und 2. Februar ausfallen zu lassen und 8 Wochen kein öffentliches Auftreten zum Zeichen der Teilnahme für betroffene Familien der Vereinsmitglieder stattfinden zu lassen.

Am 22. Februar 1897 veranstaltete der Verein im “Schwanen” (Gastwirtschaft Koch) seine karnevalistische Unterhaltung. Schon vor der angesagten Stunde war der Saal so dicht besetzt, dass später Erscheinende keinen Platz mehr fanden. Der Verein unter Leitung des Herrn Lehrer Groß leistete Vorzügliches. Er scheute keine Kosten und Mühe seine Mitglieder recht “humoristisch” zu unterhalten. Daher war denn auch die Stimmung “urfidel”, so dass erst die späte Stunde an das Zuhausegehen mahnte.
Als einen Markstein in der Vereinsgeschichte bezeichnet das Protokoll die Anschaffung einer Fahne als äußeres Zeichen der Zusammengehörigkeit. Mit der Abhaltung eines Fahnenweihfestes im am 23. Mai des Jahres 1897 wurde dieses große Ereignis gebührend gefeiert. Als Patenverein stand der “Sängerkranz Damm” zur Verfügung. Um 9 Uhr fand der Festgottesdienst mit Einsegnung der neuen Fahne statt, hieran reihte sich ein Frühschoppen im Gasthaus zum “Schwanen”. Um 2 Uhr bewegte sich der Festzug durch die Straßen des Ortes zum Festplatz, der sich im Tannenwäldchen an der Hanauerstraße befand. Dort selbst gab es Musik, Gesangsvorträge und Volksbelustigungen. Siehe → Programmablauf!




Der Gesangverein “Edelweiß” beging am 14.03.1898 im “Anker” in festlicher Weise das Geburtsfest Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten. Die Räumlichkeiten waren schon vor Beginn der Feier überfüllt. In begeisterten Worten pries als Festredner Herr Groß die Tugenden des hohen Jubilars. Der Rede folgte, gespielt von der Mainaschaffer Kapelle und gesungen von allen Anwesenden die Königshymne. Im weiteren Verlauf des Abends wechselten Vorträge, Gesänge, Musikstücke und Toaste in bunter Folge ab. Die Feier nahm in allen Teilen einen hoch befriedigenden Verlauf.
Das Jahr 1899 bringt dem Verein das erste Ehrenmitglied in der Person des Herrn Lehrers Groß, als Anerkennung für die Verdienste und Mühen, welche er dem Edelweiß als Dirigent und Berater zuteil werden ließ.
10 Jahre Edelweiß

Am 15. Januar 1903 wurde beschlossen, das 10-jährige Stiftungsfest im großen Rahmen zu feiern und auswärtige Brudervereine dazu einzuladen. Ein Lampionzug am Kommersabend durch die Straßen des Dorfes war der Auftakt zum Feste. Am Festsonntag zog ein stattlicher Festzug durch das Dorf. Der Festplatz war diesmal am Dorfeingang. Der “Gesangverein Edelweiß” zählte nun 45 aktive Mitglieder. Von den Frauen der Vereinsmitglieder wurde ein prachtvolles Fahnenband durch Frau Magdalena Schättler überreicht.

1905 – Eintritt in den Deutschen Arbeitersängerbund
Der Gesangverein Edelweiß wurde Mitglied des Rhein-Main-Gaues im 16. Bezirk und benannte sich nun Arbeitergesangverein.

1906 wurde Ignaz Roth neuer Vorstand. Herr Joseph Schättler war damit nach 12-jähriger schaffensfroher Arbeit ausgeschieden. Er hatte den Verein auf 50 aktive und 40 passive Mitglieder gebracht. Neuer Schriftführer wurde Herr Georg Lang. In den folgenden Jahren fanden viele Familienunterhaltungen, Waldfeste und Tanzveranstaltungen statt. Alle Mitglieder waren bestrebt, keine Veranstaltung zu versäumen und so dem Verein die Treue zu beweisen.
Ein weiterer Höhepunkt im Vereinsleben war das 3. Bundesfest des Arbeitersängerbundes in Hanau. 1906 sind im Festbuch 135 Vereine mit ungefähr 9000 Mitgliedern verzeichnet. Aufgelistet finden wir dabei auch den Gesangverein Edelweiß.


1909 bringt eine Änderung in der Vorstandschaft. Herr Ignaz Roth legte sein Amt als Vorstand nieder und an seine Stelle tritt Herr Valentin Schlett.
Nachdem der Verein in den Arbeitersängerbund eingetreten war, ist es ihm am 16. Mai 1910 das erste Mal vergönnt gewesen, bei dem Konkurrenz-Singen in Seligenstadt als Konkurrent unter 19 Vereinen teilzunehmen und konnte mit dem Pflichtchor das „Heilige Feuer“ und dem Volkslied „Heimat aus der Ferne” 85 Punkte erringen.
Das Protokoll des Vereins verzeichnet ab dem Jahre 1910 rege Beteiligung an Konkurrenzsingen innerhalb seines Bezirkes in: Frankfurt, Hanau, Babenhausen, Seligenstadt, Schaafheim und Aschaffenburg. Zur Aufführung gelangten jeweils ein Freiheitschor und ein Volkslied. Die erhaltenen Kritiken wurden als einwandfrei bezeichnet. (Siehe die drei Artikel 1922, 1925 und 1926 mit Bildergalerie auf dieser Seite!)
Der Chronist schrieb: »Größten Anteil an diesen Erfolgen wurde den beiden Dirigenten Herrn Albrecht Ziegler und Herrn Sebastian Schwarz zugeschrieben. Beide wurden mit dem Titel Ehrendirigent ausgezeichnet. Herr Sebastian Schwarz leitete auch gleichzeitig die nach ihm benannte Musikkapelle Schwarz, welche den “Gesangverein Edelweiß” bei allen Volkskonzerten, Vereinsfeiern, Festbesuchen und Ausflügen begleitete«. Die Verbindung dieser beiden Kulturträger konnte als sehr vorteilhaft bezeichnet werden.
Am 28. Juni 1912 unternahm der Verein seinen ersten größeren Ausflug an den Rhein. 120 Personen mit der Musikkapelle Schwarz nahmen daran teil.

20 Jahre Edelweiß
Am 5. Januar 1913 fand ein Volkskonzert anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Vereins statt. Neben Chören und Konzertmusik kamen auch die Vereinssolisten Ignaz Roth, Sebastian Glaab, Johann Lang, Sebastian Schwarz und Christel Roth zu Worte. Die Leitung hatte Herr Ziegler.
Herr Valentin Schlett legte sein Amt als Vorstand nieder und Herr Ignaz Roth trat 1914 zum 2. Male an die Spitze des Vereins. Auch Altmeister Ziegler war müde geworden und übergab den Dirigentenstab an Herrn Sebastian Schwarz. Am 26. Juli 1914 nahm der Verein unter Leitung des Dirigenten Herrn Sebastian Schwarz am 4. Konkurrenzsingen in Seligenstadt teil, und wurde Vierter unter zwölf Vereinen. Auf dem Heimweg von diesem Sängerwettstreit ereilt das Dorf die Kunde von den ersten Schüssen auf dem Balkan. 70 Mitglieder wurden an die Front eingezogen. 13 kamen nicht mehr zurück. Der Verein unterbrach daraufhin für die Zeit des 1. Weltkrieges seine Tätigkeit. Als sich die Mitglieder 1918 wieder formierten, befand sich der “Gesangverein Edelweiß” in seinem 25. Gründungsjahr, welches würdigen Ernstes gefeiert wurde.